Der Dichter: Gott oder Hund? Peter von Matt verehrt die Literatur

von Beat Mazenauer

Publiziert am 27/11/2003

 

Im letzten Sommer hat Peter von Matt seinen Abschied von der Universität genommen. Reden und Vorträge aus 15 Jahren erinnern an seine Wirkung über die Universität hinaus.


Über die Rolle der Dichter scheiden sich noch immer die Geister. Fungiert der Dichter als Sprachrohr der Götter, zuhause im luftigen Freiraum zwischen Erde und Transzendenz? Oder ist er, wie Canetti es ausdrückte, «der Hund seiner Zeit», der seine Nase in alles steckt, «als hätte er für das Laster seiner Schnauze eigens laufen gelernt»? Wohin auch immer diese Frage führt, solange sie gestellt wird, ist es um die Literatur nicht übel bestellt.

Dem pflichtet Peter von Matt bei. Beschlagen mit profunder literarischer Kenntnis weiss er um die Kraft der Literatur. Ihr steht eine höhere Wahrheit zu als die des profanen Syllogismus. Die Literatur gleicht der indianischen Figur des «Trickster»: diesem «Wesen, das überall auf den Grenzen sitzt und alle Grenzen verwischt». Die Poesie ist Äusserungsform des zwielichtigen Dazwischen, in dem die trennscharfen Wahrheiten in Zweifel gezogen sind.

Um diesen programmatischen Kern kreisen von Matts Reden und Vorträge. Am Beispiel des Märchens vom «Froschkönig» demonstriert er, wie gute Literatur «vom Hereinbrechen der Wahrheit ins Menschenleben und von der Verwandlung, die sie bewirkt», erzählt. Diese existentielle Dimension liegt ihm am Herzen, wenn er zu literarischen Reflexionen über das Essen, die Liebe, die nächtliche Unruhe, den Abschied, die Schadenfreude ausholt. Weiter gesteckte Ziele, etwa das Reisen in unbekannte Gefilde, liegen ihm dagegen ferner. Von Matt besinnt sich lieber auf alltägliche Erfahrungen, zu denen die Literatur eine Ritze zum bessern Verstehen eröffnen kann. Ihre «Wahrheit beseitigt nicht einfach eine Unwissenheit, sie verwandelt vielmehr das erkennende Subjekt in seiner tiefsten Existenz.»

Gedanklich und vor allem rhetorisch grandios ist sein Vortrag «Der blühende Holzboden» von 2002. Die Aufgabenstellung, im Rahmen einer Festansprache in «keinesfalls länger als dreissig Minuten» das Verhältnis von Wissenschaft und Kultur schlüssig darzulegen, führt ihn gleich in medias res. Die Kürze erlaubt keine harte wissenschaftliche Analyse, sondern lediglich eine weiche kulturelle Deutung. Was nicht zwingend ein Nachteil ist, denn mit Rückgriff auf Hobbes und Rousseau gelingt es ihm glänzend, die Schwierigkeit der begrifflichen Abgrenzung dingfest zu machen.

Peter von Matt ist ein leidenschaftlicher Professor gewesen, der allerdings zusehends Mühe bekundet hat mit dem universitären Betrieb, in dem «der Designerstudent am Horizont steht, der nach fixem Zeitplan zu studieren hat, die Stechuhr in der Brust». Derart lässt sich nicht Literatur studieren, sie braucht vielmehr Zeit und Erfahrung. Das gegenwärtig gepredigte Effizienzstreben hat ihm den Abschied von der Uni wohl mit erleichtert.

So gut befestigt seine Argumentationen sind, mit klarer Präferenz für das 18. und 19. Jahrhundert, so wenig hat sich von Matt von aktuellen Entwicklungen je einschüchtern lassen. Die Tinte ist ihm heilig, doch – nebenbei bemerkt – ist es ihm einerlei, ob sie aus der Feder oder aus dem Tintenstrahldrucker fliesst. Gerade diese Offenheit macht eine Stärke aus, weil sie Offenheit für die Weiterentwicklung des Diskurses signalisiert. Mag er mit sichtlicher Vorliebe Goethe, Hebel und Keller als Kronzeugen heranziehen, beweist von Matt doch ausserordentliche Belesenheit und vor allem hermeneutisches Feingefühl.
Das Hohelied auf den Dichtergenius, den Luftgeist, der wie Aristophanes’ «Vögel» zwischen Erde und Göttern seine Spiele treibt, reizt allerdings auch zu Widerspruch. Im göttlichen Homer kann postmodern gewendet der kreative Sampler erkannt werden, der aus den Rhapsodien seiner Epoche eine grossartige Dichtung remixte. Der Vergleich zwischen Dichter und Flickschuster, den von Matt einmal zieht, um deren Unvergleichlichkeit festzuhalten, hinkt, weil er ausser Acht lässt, dass es auch dilettantische Poesiealbumverse gibt und göttlich bequemes Schuhwerk. Deshalb ist es gut, dass die Dichter heute «nicht mehr als Rätsel gelten», sondern als Menschen mit ebensolchen Erfahrungen.

«Eines ist sicher: Die reinen Verwalter haben ausgedient.» Peter von Matt selbst geht mit gutem Beispiel voran. Seine Reden und Vorträge sind stets auch Anlass zur Auseinandersetzung. Solange diese, so kontrovers wie möglich, geführt wird, bleibt die Literatur virulent.