Carambole

Jens Steiner

Unter Freysingers Kirschbaum angekommen, knickten ihnen flugs die Glieder ein und sie purzelten ins beschattete Gras. An diesem Ort herrschte ein ganz eigenes Trägheitsgesetz, sie hatten sich daran gewöhnt. Während Fred begann, Ameisen unter Spuckeklecken zu begraben, und Manu in die grüne Unendlichkeit von Freysingers Garten kroch, blickte Igor melancholisch in den Himmel.
   Zwei Wochen bis zu den Sommerferien, dachte er, und noch immer ist nichts passiert. Alles wird an uns vorbeigelotst. Einen Anfang müsste man machen, einen kräftigen Satz hinein ins Leben, aber wie?
 
(Jens Steiner, Carambole)

 

Da sind die drei Jugendlichen, die Pläne aushecken für die bevorstehenden Schulferien und dabei genau wissen, dass auch dieses Jahr nichts geschehen wird, da ist die Troika, die sich regelmäßig zum Carambole-Spiel trifft, da ist Schorsch, der immer dann auftaucht, wenn man ihn nicht erwartet, und da sind die beiden verfeindeten Brüder, die seit jenen Erbschaftsstreitigkeiten nie mehr miteinander gesprochen haben. Im Dorf verharren die Menschen in ihrem Alltag wie gelähmt, während sich um sie herum alles verändert: Restaurants schließen, neue Wohnviertel entstehen, soziale Netze zerbrechen, Familien fallen auseinander.
In zwölf Runden nähert sich Jens Steiner diesem sozialen Gefüge an, lässt die Dorfmenschen in ihrer Hilflosigkeit erstarren und öffnet ganz kleine Lücken, durch die hindurch ein Schritt in eine – wenn auch unsichere – Zukunft möglich wäre.
 
(Klappentext Dörlemann Verlag)

Vereinzelt und in Warteposition

von Alexandra von Arx

Publiziert am 17/09/2013

Nein, Steine wie im titelgebenden Brettspiel werden in Jens Steiners Romanzweitling Carambole keine versenkt. Vielmehr bleibt alles in der Schwebe. Die Figuren sind zwar im Aufbruch, kommen aber nirgends an. Sie sind nicht mehr hier, aber auch noch nicht dort. Wie die drei pubertierenden Jungs, die unter dem Kirschbaum liegen und träumen, von einem Leben, in dem sie die Heldenrolle spielen und unzähmbar, unschlagbar und umschwärmt sind. Doch hier lümmeln sie unter dem Blätterdach im Gras und warten darauf, dass endlich etwas passieren möge. Dabei sind sie überfordert mit dem, was ist. Und damit nicht die Einzigen: Die einen führen ein Leben in innerer Gefangenschaft, weil sie den weit zurückliegenden Bruderzwist nicht vergessen können, die andern verdrängen die Vergangenheit mit erdichteten biografischen Abenteuern, leiden unter diffusen Schuldgefühlen oder können nicht über die Auswirkungen des Hirnschlags der Mutter sprechen, die seither eine andere geworden ist.

Die Verbindung aller zwölf Kapitel, die aus unterschiedlicher Perspektive, zugleich Innenschau und Aussensicht, von den Menschen aus einem kleinen Dorf in der Schweizer Provinz erzählen, liegt nicht nur in der örtlichen und zeitlichen Überlappung, sondern auch in der lähmenden Überforderung, der alle unterliegen. Am deutlichsten vermag es Edgar im Brief an seine Frau auszudrücken: «Warum ich weine? Ich weine um die Welt, besser kann ich es nicht erklären. Ich will die Welt verstehen, ich will, dass die Dinge beieinanderbleiben, doch sie tun es nicht. Alles fällt auseinander, und ich kann nichts dagegen unternehmen. Also weine ich. Jede Woche einmal.» Und seine Frau hört das Winseln und Schluchzen aus dem Geräteschuppen und kann sich darauf keinen Reim machen, wo ihr Mann doch immer so solide und gut im (An-)Nehmen der «Widerfahrnisse des Lebens» gewesen ist. Eine Familie löst sich auf und die Worte fehlen, um diesen Prozess aufhalten oder auch nur festhalten zu können. Nicht nur verlieren hier die Eltern den Zugang zu ihrer 15-jährigen Tochter, die sich ihres Körpers und seiner Ausstrahlung unsicher ist und nichts erzählt von der Vergewaltigung durch einen Klassenkameraden, auch die Ehepartner werden sich immer fremder. Obwohl beide ähnliche Gefühl durchleben. «Was passiert mit uns in diesen Tagen? Wir sind, was weiss ich, wir sind, ach Gott. Ganz gewöhnliche Menschen. Wir wollen nur ein bisschen zufrieden sein. Mehr nicht», denkt Edgars Frau und schweigt.

Konflikte bleiben in diesem Roman unausgesprochen, Fragen unbeantwortet. Alle sind allein mit ihrer Geschichte, ihrem Schmerz und ihren Sehnsüchten. Die einen weinen, die anderen suchen Trost im Alkohol oder Ablenkung bei sinnentleerten Handlungen. Hoffnung gibt es wenig. Vielleicht ruht sie auf den Schultern der Freundschaftsbanden, die zart angedeutet werden; vielleicht liegt ein Funke im Humor, der – wenn auch jeweils nur kurz – so doch immer wieder aufblitzt. Jedenfalls ist es ein zutiefst trauriges Bild, das der 38-jährige Autor in nüchternem Tonfall zeichnet. Klare, präzise Bilder bestimmen die Szenerie ohne zugleich ihre Geheimnisse preiszugeben. Die Sprache ist beweglich und sorgfältig gesetzt und passt sich geschmeidig den Erfordernissen an. Das ist ein Grund zur Freude! Auch wenn die einzige Figur, die schlussendlich an ein Ziel und damit zur Ruhe kommt, dies durch Suizid erreicht. Auch wenn es bröckelt, nicht nur hinter sondern auch an der Fassade dieser Gesellschaft.

Kurzkritik

Mit zarten Strichen, präzisen Bildern und einer beweglichen Sprache zeichnet Jens Steiner in seinem zweiten Roman, Carambole, das Bild einer hilflosen und überforderten Gesellschaft. Da sind die seit Jahren zerstrittenen Brüder, gefangen in ihrer Verletzung. Da ist die Familie, die auseinanderfällt, weil ihren Mitgliedern die Worte fehlen. Da ist der Nachbar, der ein Loch für einen Swimmingpool gräbt, aber vor allem tiefer und tiefer in die Erde und die Dunkelheit gelangen will. Zwölf Kapitel, überzogen von einer dünnen Schicht aus Melancholie, in denen uns der 38-jährige Autor in wechselnder Perspektive von der Einsamkeit und Sehnsucht der Bewohner eines Dorfes erzählt. Carambole erhielt den Schweizer Buchpreis 2013.

(Alexandra von Arx, Viceversa 8, 2014)