Mutter töten

Jürg Amann

In vier miteinander verknüpften Erzählungen rollt Jürg Amann die prekäre Beziehung eines Mannes zu seiner Mutter auf:
«Die Reise» des Knaben mit der Mutter führt in den Süden, ins Heimatdorf des Grossvaters, das heisst in ihre Herkunft zurück, und gibt eine Ahnung davon, was es bedeutet, «nie gewollt» gewesen zu sein; im darauffolgenden «Nachtstück» wird das heranwachsende Brüderpaar vom übermächtigen Bild der mit harten Strafen, aber auch mit ihrem Selbstmord drohenden Mutter verfolgt; in Mutter töten sieht sich der erwachsene Sohn mit der Bitte der hinfällig Gewordenen um Sterbehilfe konfrontiert, seine zwischen Verständnis, Pflichtbewusstsein und Kindesliebe schwankenden Gefühle werden immer mehr zur tiefen Zuneigung; in einem poetischen «Requiem» der respekt- und liebevollen Erinnerung wird schliesslich Frieden gemacht, kommt es zur endgültigen Versöhnung, im wörtlichen Sinn.

Requiem für die Mutter

von Beat Mazenauer

Publiziert am 23/08/2004

Um die Mütter kreiste in Jürg Amanns Prosabuch Am Ufer des Flusses alles Erinnern der beiden Protagonisten. Jud und der Ich-Erzähler sind nie von ihnen losgekommen. Mit ihrer Anhänglichkeit haben sie so gewissermassen Unehelichkeit ihrer Mütter (über)kompensiert. Die beiden Motive Anhänglichkeit und uneheliche Geburt spielen abermals in Jürg Amanns neuestem Buch ein tragende Rolle.
In vier Kapiteln, vier zeitlich voneinander losgelösten Episoden, die keine falsche Lebensfülle suggerieren, zeichnet Amann ein feinnerviges, sensibles Bild einer Mutter – der eigenen –, welches ein tiefes Lebensunglück erahnen lässt. Der Erzähler ist davon mitbetroffen, denn die Mutter trug ihre Ängste in die Familie hinein und machte die Kinder – (un)willentlich – zu Mitopfern. Das erste Kapitel «Die Reise» knüpft zu Beginn den Knoten: der 11-jährige Junge begleitet seine Mutter auf ihrem schwierigen Weg in die Heimat ihres Vaters, der kürzlich verstorben ist. Niemand in dem Tessiner Bergdorf weiss von ihrer Existenz. Ihr Vater – von Beruf Bahningenieur – hat zuhause seine Unbescholtenheit bewahrt, indem er das eigene Kind verheimlichte, verschwieg, ignorierte. Und mit ihm auch die Frau, dessen Mutter. Beiden war verboten, mit ihm je Kontakt zu suchen, wollten sie nicht seine Unterhaltszahlungen aufs Spiel setzen. Die illegitime Vaterschaft durfte seine Ehre nicht beflecken. Daheim war er ehe- und kinderlos geblieben und so in Ehren gestorben. Die Abweisung, die die Mutter durch ihn erfuhr, prägte jedoch ihr Leben. Wie ein Stich ins Herz klingt ihr Satz: «Mich hat ja nie jemand gewollt.»
Mag der Satz vielleicht auch gar nicht stimmen, entfaltet er im anschliessenden «Nachstück» doch seine starke Wirkung. Die Mutter wird von peinigenden Depressionen und Angstanfällen heimgesucht, zu deren Geiseln auch der Erzähler und sein kleiner Bruder werden. Der Furor überträgt sich auf sie, indem sie sich vor der Mutter fürchten. Die Angst, dass sie ihnen etwas antut, begleitet sie durch die finsteren Nächte und beschädigt heimtückisch ihr Vertrauen in die geliebte Mutter.
Dann Schnitt. Ein Leben verfliegt ungesagt, der Erzähler ist erwachsen geworden, die Mutter sitzt pflegebedürftig im Rollstuhl: lebensmüde. Abermals ein schneidender Satz, der Amanns Band den Titel gegeben hat: «Hilf mir, mich umzubringen, hatte sie mich gebeten, allein kann ich es nämlich nicht mehr, und dein Vater ist ja schon tot.» Noch einmal überträgt die Mutter ihre Angst, ohne böse Absicht, auf den Sohn, der von der Bitte überfordert ist. Mehr als eine «Begleitung» bis zur Tür, wo die Toten verschwinden und die Lebenden zurück bleiben, mehr als dies vermag er nicht zu leisten. Aber auch nicht weniger.

Mutter töten ist ein Requiem, das in vier Kapiteln eine lebenslange, schwierige, zugleich enge, zärtliche Beziehung auf berührende Weise erzählt, ohne zu urteilen, ohne sie abzuschliessen. Bewegend ist, wenn der Erzähler schildert, wie er seine Mutter über einen steinigen Weg zu jener Bank trägt, auf der ihr Mann, der Vater des Erzählers, während seiner letzen Reise noch einmal gesessen ist. Ein paar verbleichende Fotos hat er in seinem Apparat hinterlassen, eine zeigt diese Bank, zu der die Mutter nur mit Hilfe des Sohnes findet.
In einem Gespräch hat Jürg Amann angedeutet, dass dieses Buch womöglich einen Abschluss bilde: «Ich muss andere Themen finden und das ist wohl auch tatsächlich die Chance, dass ich mich endgültig von diesem Familienthema freigeschrieben habe. Und das ist in der Versöhnung sicherlich besser möglich als im Kampf, weil etwas, womit man versöhnt ist, kann man nachher auch zurücklassen.»
Nachtrag: So behutsam Amann erzählt, perfekt ist sein Buch nicht, wie die eher krude Beschreibung der erwähnten Bahnreise belegt. Die Urner Topographie gerät dabei völlig durcheinander: auf Altdorf folgt der Teufelsstein, dann Göschenen und zum Schluss Wassen, bevor es in den Tunnel geht … Ein kurzer Blick auf die Karte hätte hier klärende Ordnung zu schaffen vermocht.