Schöne Bescherung

Christoph Geiser

«Du musst dein Leben ändern!, sagt nicht nur der Philosoph, sondern auch der Hausarzt – wie plötzlich mit ausgestrecktem Zeigefinger aus der Tapetentür getreten. Nicht mehr rauchen, nicht mehr trinken – nicht mehr essen? Nichts mehr schreiben?» Der namenlose Protagonist, Geisers alter Ego, wird beim Tod der eigenen Mutter nun, da er jenseits der sechzig ist, mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert und sinniert bei seinen Streifzügen durch Berlin, Basel, im Park einer Schweizer Schlossklinik und in Paris über das menschliche Dasein und über die eigene Endlichkeit. Als Folge seiner Todespanik begibt er sich ins nahegelegene Fitness-Center, um sich dort gesund zu strampeln. Diese kommerzielle Wohlfühloase ist nur eine Station in seinem Bestreben, der Versehrung äusserlich und innerlich zu trotzen. Im Schattenreich der teuren Schlossklinik gerät der Einsame inmitten der kränkelnden Insassen unversehens an die Ränder des menschlichen Daseins. Wohin gehen die Toten? Eine Reise nach Paris schliesslich führt ihn unter anderem in den Louvre zu einer ägyptischen Kalksteinfigur, die ihm eine andere Sicht des Jenseits offenbart.

(Klappentext OFFIZIN Zürich Verlag GMBH)

Auftritt Lamort

von Beat Mazenauer

Publiziert am 14/10/2013

Manchmal hilft nur noch der Sarkasmus. Das voranschreitende Alter, die sich anhäufenden Lebensjahre, körperliche Gebresten oder hartnäckige berufliche Misserfolge verleiten nur zu gerne zu einer distanzierten Sichtweise auf das (eigene) Leben. In Schöne Bescherung gibt sich ihr Christoph Geiser demütig hin. Das Glück war dem Schriftsteller Geiser die letzten Jahre nicht eben gewogen. Als der Ammann Verlag 2010 seine Tätigkeit einstellte, wurde er zu einem «Dichter a.D.», der sich mit einigem Recht «literarisch tot gesagt» fühlte. So beschreibt er es eingangs zum neuen Buch. Allerdings war der verschwundene Verlag nicht die einzige Quelle für ein Gefühl der Isolation. Hinterrücks machte auch ein Monsieur Lamort auf sich aufmerksam. Zum einen verstarb die Mutter nach längerem Aufenthalt in einer Klinik. Zum anderen forderte der Hausarzt unmissverständlich eine Änderung der Lebensweise. Schluss mit Rauchen, Trinken, Sitzen. Vanitas vanitatum – damit ist nicht zu spassen.


Die Konfrontation mit der Vergänglichkeit ist unangenehm und erzeugt panische Gefühle. Die Flucht ins Fitnesscenter vermag dem nur unzureichend abzuhelfen, denn flattert jetzt das Herz nicht erst recht? Geiser hat eine andere, ihm angemessenere Form der Auseinandersetzung gefunden: schreibend versucht er die Geister zu bannen. «So brauchen wir die Sprache, so brauchen wir die Schrift, so brauchen wir Bücher! Text! Erzählung! Geschichten. Die uns in die Binsen geleiten.» Wo sonst gäbe es Rettung vor dem lauernden Monsieur Lamort und vor einer demütigen Kapitulation.


Schreibend also reflektiert Christoph Geiser über das leidige Altern, indem er Entlastungszeugen aus der Kultur- und Literaturgeschichte aufruft. Er beobachtet sich und seine Umgebung in dem vergeblichen Versuch, ungeschoren davon zu kommen. Er begleitet seine Mutter über die Gebrechlichkeit bis zum Tod, nachdem sie einen unglücklichen Fehltritt getan hat und «rücklings sich überschlagend … die ganze Himmelsleiter hinunter» gefallen ist. Diese verhängnisvolle Begebenheit nennt der Erzähler «eine schöne Bescherung». Eigentlich wollten  er und seine Mutter ja nur speisen gehen. Die Bescherung zeigt schrecklich ambivalente Folgen. Am Ende mutterlos geworden ist der Erzähler und neuerdings Erbe kein armer Poet mehr angesichts dessen, dass nun «unsere potentielle Kaufkraft wirtschaftlich relevant ist».

Diese tragikomische Wendung ist symptomatisch. Geiser erzählt mit Witz und mit gelegentlich boshafter Ironie, die vor sich selbst ebenso wenig Halt macht wie vor den Insassen der mit Plüsch gepolsterten Schlossklinik am Bodensee. Hier kuriert die Mutter ihre Gebresten, umgeben von Barockspiegeln, Stilmöbeln und medikamentösen Dunstwolken. Der Sohn besucht sie und beobachtet mit schonungslosem Blick Inventar wie Personal in diesem Reich der Vergeblich- und Vergänglichkeit. Es fühlt sich an Becketts Endspiele erinnert, oder an den unglücklichen Robert Walser. Geisers Beschreibungen sind grossartig träf, ohne aber den Schreiber zur Überheblichkeit zu verleiten.
 Er bleibt stets selbst mit gemeint. Auch ihn beschleicht das Arsenal der bösen Vorboten: «Panik? Vorhofflimmern? Herzflattern?» Doch abtreten will er längst nicht, auch wenn ihm, «Apokalyptiker, der wir sind», der Gedanke daran keinesfalls fremd ist. Noch schwelt das ungestillte Begehren in ihm. Es hält ihn aufrecht. Das Begehren und auch die Kunst, die sich ihm beispielsweise in jener Figur des hockenden Schreibers offenbart, der aus der Nekropole von Saqqarah geborgen seit 150 Jahren im Louvre ausgestellt ist. Bei einem Besuch der ägyptischen Abteilung begegnet ihm der Autor. «Du schaust mich an! Glasklar, aus fünftausend Jahre alten Augen, türkisblau. (…) Mich schaust du an – mein Herz zu öffnen?» – ein faszinierender Repräsentant des Menschlichen wie der Schrift, die in ihm eins werden: «alles Menschliche ist Schrift!»


So besteht Christoph Geiser die Konfrontation mit der Vergänglichkeit. Doch was hilft's am Ende? «Ach – im Grund ist der Mist doch geführt; der Tag gelaufen», antwortet er voll Skepsis dem Aufwallen der Schreib- und Lebensgeister. Und geradezu provozierend fragt er, welche Bestattung es denn sein soll, auf dass er endlich Ruhe gäbe.
 Schöne Bescherung signalisiert uns etwas anderes. Christoph Geiser hat darin eine spielerische Balance gefunden zwischen den biographischen Büchern der ersten Phase und den jüngeren experimentellen Werken. Mit Witz baut er eine Brücke zum Leser, und behält sich dabei doch das Recht vor, seinen Text literarisch zu komponieren. Er verknüpft seine künstlerischen Lebensfäden mit einem stechenden, ätzenden Blick auf den (Konsum-)Alltag, wie er einem nicht mehr ganz jungen Herrn begegnet. So ist Schöne Bescherung das Zeugnis einer Selbstbehauptung in der hehren Kunst ebenso wie im schnöden Alltag. 
«Und wir gäben Ruhe endlich?» schliesst das Buch. Bewahre, jetzt wo wir so schön beim Lesen sind.

Kurzkritik

Das Alter klopft ans Herz, und der Doktor rät zu einem neuen Lebenswandel. Keine »schöne« Bescherung, es sei denn, Christoph Geiser schreibt unter diesem Titel darüber. Der Ich-Erzähler ist zum »Dichter a. D.« geworden, mangels eines Verlags, und zugleich zum Erben, der auf einmal über »potenzielle Kaufkraft« verfügt. Eine verwirrende Veränderung, zu der noch das Nachdenken über die eigene Lebenszeit kommt. Geiser hat dafür einen präzisen ironischen Modus gefunden. Sein Buch ist eine existenziell schmerzliche wie literarisch lustvolle Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit – als Mensch und als Autor.

(Beat Mazenauer, Viceversa 8, 2014)