Einsamkeit mit rollendem ‹r›

Ilma Rakusa

Da ist die aus Russland nach Berlin gekommene Marja, eine passionierte Köchin, die in der Fremde erst von den Gräueln der sowjetischen Geschichte der Dreißiger Jahre erfährt; da ist Katica aus der ungarischen Steppe, die mit Dóra zusammen irgendwo im Westen auf der Straße Geige spielt und dann doch wieder heimkehrt nach Budapest; Lou, die sich schuldig fühlt am Tod ihrer Schwester und nie mehr ganz heil wird in der Seele; da sind die ersten Küsse mit dem geheimnisvollen 15jährigen Maurice, einem Fremden im Ort.
Fremd sind sie alle, und »Alleinchen« ist hier ein zärtlicher Kosename.

Im Zentrum der vierzehn Erzählungen stehen Begegnungen mit Menschen und Orten, vorübergehende Aufhebungen der Einsamkeit, in Zürich und Graz, am Mont Ventoux und im slowenischen Karst. Es sind Menschen mit sehr gegenwärtigen Biografien, freiwillig und unfreiwillig Reisende, in vielerlei Hinsicht Entwurzelte, Suchende mit rätselhaften, oft dramatischen Schicksalen, denen sich Ilma Rakusa mit großer Diskretion nähert. Ihre Sätze sind knapp, ohne zu stenographieren, genau und doch lyrisch verspielt und phantasievoll, sie lassen den Geschehnissen und den Orten ihr unaussprechbares Geheimnis – und machen diese Menschen und ihre Orte daher nur umso anziehender.

(Buchpräsentation Literaturverlag Droschl)

Einsame, zugleich leidenschaftliche Menschen

von Beat Mazenauer

Publiziert am 09/07/2014

Zum Beispiel Misi. Die Erzählerin sitzt mit ihm auf einer Bank am Meer bei Triest, beide schweigen. Dabei hätte Misi viel zu erzählen, doch er raucht bloss, «gegen die Einsamkeit, gegen das Kriegstrauma, gegen die Unbehaustheit, gegen sein Judentum». Die Erzählerin verwandelt sich neben ihm in das kleine Mädchen von einst, doch Misi vermag dies nicht zu besänftigen. In seinem Innern rumpelt noch immer der Krieg, die ägyptische Wüste, die ihn einst aus allem herausriss. Nur zwischendurch entfährt ihm etwas von jener Wut. «Wehrlos war er den Angriffen der Vergangenheit ausgesetzt. Und unwillig, sich kurieren zu lassen.»
Rakusas gleichnamige Erzählung nähert sich dem traurigen Freund mit einer Behutsamkeit, die ihm gerne helfend zur Seite stünde, sich dennoch zurück hält im Wissen, dass es so besser ist. Sie umgarnt ihn mit feinen Erzählfäden, ohne ihn ganz einzuwickeln und gefangen zu nehmen. Misi bleibt Misi, die Erzählerin vermag nur berührende Facetten einer kurzen Wiederbegegnung festzuhalten.

In ihrem Erzählband hat Ilma Rakusa vierzehn Begegnungen mit Menschen und mit Orten versammelt: Vierzehn Mal Einsamkeit, Sehnsucht, Versehrtheit, flüchtige Lieben, melancholische Erinnerungen und Versuchen, dem allem ein Glück abzutrotzen. Die Kapitelüberschriften markieren eine Zweiteilung. In den ersten sieben Geschichten geht es um Menschen: Katica, Lou, Marja, Maurice, Steve, Sam oder eben Misi. Mal begegnet ihnen die Erzählerin als Freundin und Geliebte, mal als zugestossene Beobachterin und Zeugin ihrer Verlorenheit.
Speziell in diesen persönlichen Geschichten behält Rakusas Sprache etwas wunderbar Aufgerautes. Ihre Sätze wirken oft unfertig dahingeworfen, ohne Subjekt, als ob sie sich stilistisch gegen die Flüchtigkeit des Augenblicks versichern möchte. Immer bleibt eine Kluft zwischen den einsamen Monaden, so auch bei Steve: «die Nähe wollte nicht gelingen». Vor allem erzählt Rakusa diese Begegnungen nie abschliessend zu Ende, so dass sie der Lektüre Imaginationslücken hinterlassen. Die Flüchtigkeit der Begegnungen behält selbst etwas Schwebendes: Eindrückliches und Berührendes.
Das klingt traurig, doch Rakusa verleiht ihren Geschichten auch lichte Momente. Die zufällige Begegnung mit Katica und ihrer Freundin Dora steht im Zeichen der Poesie und der Musik, die die beiden zusammen auf der Strasse spielen.

Im zweiten Teil folgen Geschichten, die in der Überschrift topographisch verortet sind. Die Orte liegen verstreut in Europa, Hiroshima ausgenommen. Flüchtige Begegnungen und Bekanntschaften verschmelzen hier mit einer Landschaft oder einer Stadt, zugleich spielen sie hinein in die Erinnerungen der Erzählerin, die aus diesen Orten aufsteigen. Sie erinnert sich an all die Ausgewanderten, die im Bergeller Dorf Bondo einst kein Auskommen fanden, sie werfen ihre Schatten über den strömenden Fluss, an dem die Erzählerin sitzt. Oder Juri, auch er ein Auswanderer mit den Gedichten von Blok und Lermontov im Koffer. In Venasque unweit des Mont Ventoux bilanziert er «mit rollendem ‹r›» seine Einsamkeit. Und verabschiedet sich. In dieser zweiten Abteilung verlässt sich die Erzählerin stärker auf flüchtige Eindrücke und auf eigene Erinnerungen, womit sie ihre Texte stärker erdet. Das Hingeworfene erhält ausgeprägter den Charakter eines lückenhaften Abbildversuchs mittels Miniaturen der Beobachtung und Reminiszenz. Die Menschen bleiben in diesem Setting anonymer, die emotionalen Orte behalten – in der Beschreibung – unterschwellig etwas Abweisendes. Speziell in der Erzählung «Zürich» erliegt die Intensität der Eindrücke einer eher anekdotischen Aufzählung. Doch das ist die Ausnahme.
Insgesamt überzeugen Ilma Rakusas Erzählungen damit, dass sie Orten und vor allem Menschen ihren Eigensinn bewahren und sie nicht sprachlich ans Gängelband nehmen. Die Erzählerin versucht gar nicht, in die verlorene Psyche ihrer Bekanntschaften zu blicken, sie schaut einfach und zeichnet auf, kompromisslos flüchtig.