Kanton Afrika

Matto Kämpf

Auf der Flucht vor der Berner Obrigkeit reiste Matto Kämpfs Urgrossvater Immanuel Kämpf anno dazumal durch die Schweiz. Die ereignisreiche Reise wurde an weihnachtlichen Familienzusammenkünften stets gerne erzählt. Matto Kämpf hat sie nun zu Papier gebracht. Eigentümlicherweise reiste der Vorfahr nicht nur quer durch die ganze Schweiz, sondern auch quer durch die Schweizer Geschichte und begegnete Tell, Calvin, Escher und auch Höhlenbewohnern. 

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Rezension

von Liliane Studer

Publiziert am 27/10/2014

«Das Berner Oberland ist ein mit Tannen bewachsener Unsinn. Noch blöder ist es, wenn es schneit.» So beginnt Matto Kämpfs «Erbauungsschrift» – und bevor man sich darin verliert, was eine solche Erbauungsschrift eigentlich sein soll im Jahr 2014, ist frau bereits mittendrin in Immanuel Kämpfs unfreiwilliger Schweizerreise, wie sie jeweils zu Weihnachten bei Familie Kämpf am festlich gedeckten Tisch (davon ist allerdings nichts zu lesen, auf Seite 5 steht nur: «… bei uns am Familientisch an Weihnachten …», doch so ist das halt mit der phantasieanregenden Literatur) zum besten gegeben wird. Mit dem Erzählen dieser Geschichte(n) wird nur eine Tradition weitergeführt, die der Urgrossvater des Erzählers selber begründet hat, wie es im Vorspann heisst. Dieser Immanuel stammt also aus dem Berner Oberland – und dort beginnt die Reise. Zuerst führt sie ins Schloss Thun, wohin der achtjährige Bub vom Landjäger gebracht wird und wo er «zu schmoren [begann]». Von Thun geht es weiter ins Wallis, in die Waadt, nach Genf, in den Jura … Eine solche Aufzählung bringt nichts. Auch wenn das Inhaltsverzeichnis auch nichts anderes ist. Und zusammenfassen lässt sich diese Geschichte schon gar nicht. Was heisst schon, wenn da jetzt nur stehen würde: «Die Reise führte ihn durch die ganze Schweiz, wo er sich zu den Leuten setzte und die örtlichen Gepflogenheiten zu verstehen trachtete.» Obwohl der Satz stimmt. Doch wie anders tönt es im Original, etwa die Geschichte aus dem Wallis:

Am nächsten Morgen wurde zur Wolfsjagd geblasen. Mit Karabinern bewaffnet legten wir uns am Waldrand auf die Lauer. Doch der Wolf kam nicht. Warum gehen wir nicht in den Wald hinein? fragte ich Pirmin. Das ist zu gefährlich, meinte er. Um die Wartezeit zu verkürzen, begannen die Jäger Käse zu essen. Das brachte mich auf eine Idee. Ich bat um ein grosses Stück Käse und ein Streichholz. Damit schlich ich in den Wald hinein und fand einen grossen Wolf, der schlief. Mit dem Streichholz schmolz ich den Käse und goss ihn über den Wolf, bis dieser gänzlich im Käse gefangen war. Am Waldrand präsentierte ich ihn den staunenden Wallisern. Ich verlangte Messer und Gabel und verspeiste den Wolf. Dadurch erfand ich ein vorzügliches Gericht: Wolf im Käspelz. Wie mir später zu Ohren kam, ging im Laufe der Jahre aus Wolfsmangel der wichtigste Teil dieses Mahls verloren und es wurde fortan nur noch die Beilage gegessen und Raclette genannt. Raclette heisst in der Sprache der Walliser ohne Wolf.

Immanuel Kämpf, so ist nachzulesen, ist auch der Erfinder der Neuenburger Brot-Uhr, die er in «Laschodfong» in Wirtshaus ersann. Die Kommunikation über den Rösti- und den Polentagraben hinweg funktioniert ganz ausgezeichnet: In Genf wird unser Held von «Galwä» persönlich empfangen, im Jura trinkt er mit Frederik, Ludowik und Sedrik eine Flasche «Feeweer» und im Tessin unterhält er sich auf Lateinisch. Dagegen soll er Zürich umgehend wieder verlassen haben, nachdem ihm ein resoluter Mensch eine Tirade heruntergeleiert hat von Titeln, die dieser Mensch anscheinend trug. Auch die Ostschweizer kann der Reisende so schnell wie möglich «mit guten Gewissen sich selber überlassen». Schliesslich kommt er im «finalis totalis» wieder zu Hause an, wie es sich für einen Schweizer Helden gehört.

Verspielt gibt sich der schmale Band in seinem roten Umschlag mit Goldprägung auch in der Gestaltung: die zuweilen ausgesucht antiquierte Sprache der Märchen und Legenden ist in Fraktur gesetzt, und farbige Collagen von Claudio Bruno illustrieren die kurzen Reiseberichte.

Die einzelnen Episoden sind köstlich, und gut gelaunt klappen wir das schmale Buch – für das der Verlag mit den Worten «Ein erstaunlich langer Text von Matto Kämpf – fast schon Literatur» wirbt – nach gut hundert Seiten wieder zu. Spätestens dann ist klar, was eine Erbauungsschrift, aufgeschrieben von Matto Kämpf, bedeutet.