Unterwegs nach Ochotsk

Eleonore Frey

Ob es  der Titel ist, der die Leser lockt? Unterwegs nach Ochotsk: Wer will schon nach Ochotsk?

(EngelerVerlag 2014)

Rezension

von Simone Fässler

Publiziert am 02/12/2014

Ochotsk. Wo ist das? Ochotsk liegt, 6000 km von Moskau entfernt, an der Pazifikküste Sibiriens. Gegründet im 17. Jahrhundert als kosakisches Winterlager. Seither ein paar Mal abgebrannt. In der Sowjetzeit durch Kraftwerke und Fabriken aufgerüstet, deren Stahlgerippe und leere Fenster heute den Nebel rahmen.

Auf den Landkarten liegt Ochotsk meist über dem oberen Rand. Auf der Karte der Sehnsüchte jedoch befindet es sich inmitten der grossen O-Wörter, dem Sog, dem Tod, dem Trost, dem Wodka. Und die, die das «O» im Namen tragen, Robert, Otto, Sophie und ihr Onkel, die kennen Ochotsk, ohne dass sie da waren. Wahrscheinlich kennen sie es schon, bevor sie im Buch lesen mit dem Titel «Unterwegs nach Ochotsk», einem Reisebericht aus Fragmenten ohne brauchbare Auskünfte, der sich rätselhafterweise sensationell verkauft. Mit der Lektüre aber bekommt es einen Namen, einen Ort und eine Richtung.

Die Autorin Eleonore Frey war im Sommer 2012 in Ochotsk, das auf dem Landweg nicht zu erreichen ist und mit dem Schiff nur kurze Zeit im Jahr. Der Aufenthalt ist verbürgt durch einen persönlichen Reisebericht, der in der Literaturzeitschrift Manuskripte erschienen ist. Den Figuren ihres Romans drückt die Autorin kein Schiffsticket in die Hand. Sie schickt sie auf den Weg in die Weiten Sibiriens, indem sie sie in maximale Distanz dazu setzt. Der Schauplatz des Geschehens ist eine namenlose, vielleicht schweizerische Stadt, möbliert wie eine Modelleisenbahn mit Bar, Wohnhaus, Arztpraxis, Polizeiposten, Hotel, einem Fluss mit Brücken. Und der Buchhandlung, in der das Sensationsbuch ausliegt.

Pausenlos sind sie unterwegs im eng abgezirkelten Spielfeld, die Frauen und Männer, deren innere Magnetnadel stets nach Ochotsk zeigt. Begegnen sich, verpassen sich, verlieren sich auf ihren ziellosen Wegen, komisch in ihrer Rastlosigkeit, liebenswert in ihrem Scheitern. Sophie, die alleinerziehende Mutter und Aushilfsbuchhändlerin, sucht erst Robert, der der mutmassliche Autor des Sensationsbuches über Ochotsk ist, dieser aber nicht mehr sein will, und wird dann doch von Otto gewonnen, dem praktisch veranlagten Arzt. Ochotsk immerhin findet sie, wann immer sie liest. Theres, die verwirrte Alte, hat ebenfalls ein Auge auf ihren Nachbarn Robert geworfen. Sie jagt im Nachthemd Ratten, sperrt sich aus der eigenen Wohnung aus, verliert sich in der leeren Wohnung von Robert, liefert sich bei Otto als Notfall ein. Ochotsk? Kennt sie eh. Dafür muss sie nicht erst ein Buch lesen.

Viele Bücher kauft dafür Otto, der immer wieder einen Vorwand braucht, Sophie in der Buchhandlung aufzusuchen: Den Bericht des Berufskollegen Tschechow von der Gefangeneninsel Sachalin, Sachbücher über Moose und Flechten. Otto bewirbt sich als Schiffsarzt für eine Expeditionsreise nach Ochotsk, wird nicht genommen und merkt, dass ihm der blosse Plan auch gereicht hat. Und Robert – wo ist Robert? Robert hat schon so viel Vorsprung auf seinem Weg ins Nirgendwo, dass niemand ihn mehr einholen kann. Von seiner Identität als Autor Mischa Perm will er nichts mehr wissen. Aus seiner Wohnung zieht er ins Hotel, dann wird er obdachlos zur Probe. Den Regenmantel, in dem ihn alle kennen, verliert er, die rote Jacke schenkt er mit dem Ausweis in der Tasche einem Bettler. Die Hüllen ziehen ohne ihn weiter durch die Strassen.

Was ist los mit diesen Menschen, was fehlt ihnen, was treibt sie an? «Die spinnen!», sagen Alex und Alice, Sophies neunjährige Zwillinge, in entwaffnender Sachlichkeit. (Ihr Ziel heisst Alaska, seine Erreichbarkeit steht keinen Augenblick in Frage. Bücher lesen sie keine.) «Nicht bei Trost», meint Sophies Onkel, der vor Zeiten seine Olga an Ochotsk verloren hat, und sinniert über die schöne alte Wendung: «Dass man allen Trost hat, den man braucht, und somit zufrieden bei sich ist, heisst es wohl meistens nicht. Schon eher bedeutet bei Trost sein, dass man nicht tut, was einem richtig scheint, sondern was die andern für richtig halten. Nicht bei Trost sein wäre somit gut, weil man dann die Kompromisse verweigert, die einen mit der Welt versöhnen.» Das ist der glühende Kern, der diese Menschen leuchten macht in all ihrer Verlorenheit, ihrem Nichtwollen und Nichtkönnen: ein Stück Anarchie gegenüber der Realität.

Ochotsk, das sind die Wege und Umwege dahin. Das gilt hier auch für das Erzählen. Jeder Absatz bahnt, in kurzen einfachen Sätzen präzise rhythmisiert, ein Stück Weg. Jeder neue Absatz wechselt zur Perspektive einer anderen Figur, sucht, indem er bereits bekannte Motive variiert, einen neuen Weg. Und der Text als Ganzer ist – wie Roberts Mäntel – unter identischem Titel gleich in mehrfacher Gestalt unterwegs nach Ochotsk: Erstens als Eleonore Freys persönlicher Bericht einer Schiffsreise ins Ochotskische Meer. Zweitens als Erfolgsbuch des Autors Mischa Perm alias Robert, aus dem im Roman lose treibende Fragmente auftauchen, die wörtlich Freys Reisebericht entstammen. Und drittens als Roman, dessen Autorin wiederum Eleonore Frey heisst. Sie hat mit dem schmalen Buch die Weite Sibiriens in die Karte der Schweizer Literatur eingezeichnet.