Nie mehr Frühling

Petra Hofmann

Wie weit kann Liebe gehen? Bis in den Tod und darüber hinaus

Hermine ist sicher die eigensinnigste, lebenslustigste Frau im Dorf, als sie, verrückt vor Liebe, an einem Tag im Mai ihren Karl heiratet. Ewige Treue schwört sie ihm – bis in den Tod und darüber hinaus. Karls Einberufung in die Wehrmacht zerstört die Idylle jedoch auf einen Schlag. Hermine wartet auf ihn – ohne Rücksicht auf ihre kleinen Söhne und die Notwendigkeiten des täglichen Lebens. Sie weigert sich, den Tod ihres Geliebten zu akzeptieren, während sich die Frauen im Dorf längst den Mund über sie zerreißen und ihre Nachbarin Erna sie gleichermaßen beneidet wie verachtet. Der Krieg ist vorüber, das Leben in Deutschland geht weiter, aber Hermine lebt weiterhin in der Vergangenheit.
In Petra Hofmanns überwältigendem Debüt lebt ein Dorf irgendwo in Deutschland auf, ein Dorf, wie es viele gab: Begeisterte Soldaten und brave Frauen, die den Mantel des Vergessens ausbreiten wollen, junge Menschen, die vom Lebensglück träumen und inmitten all dessen eine starrköpfige Frau, die an ihrer Liebe zerbricht.

(Buchpräsentation Picus Verlag)

Rezension

von Martina Keller

Publiziert am 17/08/2015

«Auf dem Küchenboden liegt sie, vor dem Herd, zusammengekrümmt». Das Bild der toten Frau zu Beginn des Romans bleibt haften. Als Paul seine Mutter so vorfindet, ekelt er sich vor ihrer Fratze und dem Uringestank. In ehrlicher Sprache erzählt Petra Hofmanns Debütroman die Geschichte Hermines, einer hartnäckigen, leidenschaftlichen Frau. Als ihr geliebter Karl in den Krieg muss, wartet sie unbeirrt, wider alle Konventionen und Realitäten, und konsequent bis ans Ende.

Schon als Mädchen fällt Hermine auf. Ungestüm und wild macht sie, was ihr passt, sie steht mitten im Regen mit ausgestreckten Armen auf der Wiese und macht sich vor Lachen in die Hose. Hermine bildet einen Gegensatz zur Dorfidylle mit blühenden Hyazinthen auf den Fenstersimsen. So eckt sie an und fasziniert. Besonders Karl, den sie in jungen Jahren heiratet, ohne Ring, mit etwas Erde am Absatz und mit viel Leidenschaft. Dem Geschwätz der Dorfgemeinschaft ist sie ausgesetzt, doch sie kümmert sich nicht darum. Sie lebt ein intensives Leben, ist lieber Ehefrau als Hausfrau und Mutter ihrer zwei Söhne Paul und Dieter. Ihre Beziehung zu Karl ist nicht romantisch, sondern leidenschaftlich, manchmal gar gewalttätig. Die Nachbarinnen empfinden Hermines Freizügigkeit und Eigenwilligkeit als Affront. Dann kommt der Krieg. Jeden Tag werden Männer eingezogen, eines Tages auch Karl. Für Hermine bricht eine Welt zusammen: Ohne Karl ist sie nichts mehr, sie definiert sich als Liebhaberin und diese Rolle wird ihr genommen. Hermine schreit und schreit, als Karl das Haus verlässt. Von da an verschreibt sie sich Hermine ganz dem Warten, lebt asketisch und zurückgezogen, schläft auf Stroh, damit das Ehebett unberührt bleibt.

Die Stimmen der Dorffrauen überschlagen sich in der Bäckerei. Diese Passagen in direkter Rede muten szenisch, beinahe filmisch an. Erna, Hilda, Johanna, Doris, die Bäckerin diskutieren und spekulieren, ereifern sich und rügen Hermines Lebensweise. Hermine ist das Lieblingsthema der konservativen Frauen, die Attraktion im öden, nun fast männerlosen Dorf. Die verschiedenen Personen werden nicht eingeführt, ihre Namen scheinen erst austauschbar und sie treten vor allem als Stimmen auf. Erst mit der Zeit entwickeln sie sich zu Charakteren und werden – durch ihre Aussagen und Gedanken über Hermine – Bestandteile eines immer schärferen Gesamtbildes. Einzelschicksale lassen sich hinter den verschiedenen Dorfbewohnern erkennen und die klare Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität, zwischen Hermine und dem Rest des Dorfes verschwimmt. Es wird deutlich, wie alle auf ihre Art mit dem Krieg zu kämpfen haben. Umgekehrt scheint sich Hermine nicht nur vom Dorfleben, sondern auch vom Leser immer weiter zu entfernen. Aus der Perspektive der verschiedenen Figuren erfahren wir von Hermines Verhalten, wie sie sich nicht mehr wäscht, stets nur in Stiefeln, ihrem Kornblumenkleid und einer immer zerfetzteren Strickjacke durch das Dorf läuft. ihre Kinder vernachlässigt sie, kein Feuer brennt im Haus und kein Essen steht auf dem Tisch. Die kurzen Kapitel des Romans zeigen Hermines langsamen Zerfall in verschiedenen Zeitabschnitten. Die Blicke auf Hermine sind ein Antasten an ihren Wahnsinn und ein Versuch, Erklärungen für ihr Verhalten zu finden. Dies wird besonders deutlich, wenn aus der Perspektive von Paul oder Dieter erzählt wird. Die beiden vernachlässigten Kinder versuchen zu verstehen, nicht nur ihre Mutter, sondern die ganze Welt. Sie hören vieles, aber verstehen wenig; die Predigt des Pfarrers, das Geschwätz im Dorf, die Ausbrüche ihrer Mutter bleiben rätselhaft. Und was bedeutet es eigentlich, im Krieg zu fallen? Die Kinder kommen nicht zurecht mit dem Kriegsvokabular, entlarven es als sinnentleerte Sprache. Der Krieg ist gleichzeitig unendlich fern vom Dorf und immer präsent und erschütternd. Die vielen Blicke im Dorf deuten aber auch auf eine soziale Kontrolle, an der Hermine zerbricht. Die Vielstimmigkeit des Romans sowie der Wahnsinn Hermines erzeugen eine hektische Stimmung. Petra Hofmann schafft es aber immer wieder, diese Hektik zu unterbrechen mit poetischen Bildern, wie Stillleben, im Erzählfluss.

Die Spuren des Krieges werden immer deutlicher, je weiter der Roman fortschreitet. Einige Männer kehren zurück, enttäuschen Erwartungen, einige bleiben weg und beginnen ein neues Leben, andere werden nie mehr zurückkehren. Hermines Kinder werden erwachsen, Paul hat selbst eine Familie und hadert mit der Erziehung seiner Tochter wie mit der Vergangenheit. «Normalsein» kennt er nicht. «Nie mehr Frühling» könnte so auch als Generationenroman gelesen werden. Mit zunehmendem Alter und zunehmendem Wahnsinn läuft Hermine ständig um die Kirche herum. Diese Kreisbewegung ist sinnbildlich für den ganzen Roman. In den verschiedenen Generationen wiederholen sich Muster. Und auch in der Erzählung stellt sich mit der Zeit eine gewisse Repetivität und Langatmigkeit ein, eine sich nach unten bewegende Spirale. Diese Hoffnungs- und Trostlosigkeit ist manchmal schwer auszuhalten. Dazu schwebt das erste Kapitel, Hermines Tod, wie ein unheilvoller Schatten über der ganzen Erzählung. Die Gewissheit des Todes prägt alle Episoden des Romans, denn wie Hermine schon als Kind sagte: «Es geht immer um Leben und Tod». Auch der Titel des Romans verspricht keine Hoffnung. Erscheinen dann auf den letzten Seiten die wohlbekannten Worte des ersten Kapitels wieder, fühlt sich das erlösend an. Der Roman endet aber nicht mit dem Anfang, sondern geht noch darüber hinaus: Es kommt nichts Neues, alles bleibt gleich, und doch geht es weiter.

Presseschau (Auswahl)

Petra Hofmanns Buch handelt von Liebe und Hass, von Treue und Verrat. Es spiegelt in einem Provinznest die grossen Themen der Welt. Ein bedeutender Wurf! (Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 10.05.2015)