Es geht fast immer ein Wind

Klaus Merz, Raphael Urweider

Das Dichtertreffen, das vom 30. März bis zum 2. April 2014 in Tokyo stattfand, war der poetische Beitrag zum 150-Jahre-Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Schweiz und Japan.

(Wolfbach Verlag)

Handel mit Worten

von Beat Mazenauer

Publiziert am 23/02/2015

Mit dem Schreiben von Poesie wird gemeinhin Ruhe und Einsamkeit assoziiert. Ein poetisches Ich geht in sich und in seinen Text, um gewissermassen eine intime Entität zu bilden. Doch Gedichte haben auch gruppendynamische und spielerische Qualität – beispielsweise in Form der lyrischen «Renshis». Aus Anlass von 150 Jahren schweizerisch-japanischer Diplomatie begegneten sich im Frühjahr 2014 in Tokyo zwei Dichter aus der Schweiz (Klaus Merz, Raphael Urweider) sowie die Dichterin Kaku Wakako und der Dichter Tanikawa Shuntaro, um mit Hilfe von Matsushita Taeko und Eduard Klopfenstein ein zweisprachiges Kettengedicht in der japanischen Tradition der «renga» zu verfassen. Darin geht die persönliche Handschrift auf in einem vielgliedrigen Gemeinschaftsgedicht, das die gegenseitig aufgeworfenen Themen und Motive frei variiert und tradiert.

Aufbrechende Kirschenknospen
Aufblühender Kindermund     nach dem grossen Weinen
Den erschreckenden Ausbrüchen auf Erden     ohne Blühen und Lächeln
wollen wir wenigstens mit Worten ein bisschen entgegenhalten

– beginnt Shuntaro den Reigen. Worauf Raphael Urweider antwortet:

wir reisen leicht all unser hab und gut ist hörbar
wir haben fast nur die wörter     die so plötzlich
aufplatzen wie regen dann zerstäuben auf erden
wir halten sie nicht die wörter      sie halten uns

Im Mund des Poeten verwandeln sich die „aufbrechenden Kirschenknospen“ unvermittelt zum leichten Reisegepäck der Sprache. Sie sind weder Zeichen noch Bedeutung, führt Wakako die Spur fort, vielmehr artikulieren sie sich im stimmlichen Ausdruck eines menschlichen Körpers, der dereinst auf dem Friedhof enden wird, schliesst das vierte der Gedichte den Kreis: sei es dem von Aoyama oder einem anderen. Um gleich zu einer neuen Schlaufe zwischen Europa und Fernost anzusetzen.

Es ist reizvoll zu verfolgen, wie die vier Dichtenden mal lyrisch, mal erzählerisch ihre Wortketten von der persönlichen Empfindung zum bezaubernden Naturbild, zur engelhaften Luftidee und weiter zur surrealen Metapher ab- und sich anverwandeln. Die alte Frau, die aus Nils Holgerson erzählt, wird im Flug ein chinesischer Säugling, der einmal Saurierknochen in Uppsala ausgraben wird.

Im Korb eines Heissluftballons genoss ich die Gemütslage eines Engels
Dann hörte ich Entenschnattern vom Boden herauf und wusste:
Ich gehöre doch mehr zur Erde als zum Himmel – welche Freunde! (Shuntaro)

Im Nachwort schreibt Eduard Klopfenstein vom gegenseitigen Vertrauen und der lustvollen Schreibatmosphäre, die auch über die oft kniffligen Übersetzungsprobleme hinweggeholfen habe. Der Übersetzung kommt bei diesem Setting eine zentrale Funktion zu: sie vermittelt zwischen den Autoren und den Sprachen, damit sie sich überhaupt in ihren Versen zueinander finden können. Gestalterischen Ausdruck findet dies in der Zweisprachigkeit der Ausgabe, die das deutsche Gedicht jeweils mit der japanischen Zeichensprache verbindet und so den weiten Weg auch bildhaft zum Ausdruck bringt, den dieser Gedichtreigen vollführt.

Die insgesamt 36 zwei- bis fünfzeiligen Gedichte sind innerhalb von vier Tagen entstanden, mit einem abschliessenden öffentlichen Vortrag. «Auch wenn’s die Poesie der Ökonomie schwer hat», wie es am Schluss heisst, handeln die Dichter und die Dichterin unverdrossen weiter mit ihren Worten. In allen verfügbaren Währungen, deren freier Handel, wie sich hier zeigt, keine Nationalbank benötigt, sondern auch Vertrauen und Freundschaft beruht.