Um die Dinge ganz zu lassen

Thilo Krause

Alle Abende ballten sich
in der Höhe Gewitter.
Wäsche leuchtete aus den Gärten.
 
Alle Abende saßen wir draußen
unsere Gesichter winzig
in den Rundungen der Gläser.
 
Auf der alten Schaukel am Baum berührte ich
Mit den Fersen den Tag, mit den Zehen
die Nacht.

Die Amsel trillert im Geäst der Verse

von Beat Mazenauer

Publiziert am 21/06/2015

Und das ist alles genug hiess 2012 das poetische Debüt des an der ETH Zürich lehrenden Autors Thilo Krause. Das damals gegebene Versprechen löst er auch im neuen, zweiten Band Um die Dinge ganz zu lassen ein. Gelassen und wachsam treibt er seine Poesie weiter.

Drei motivische Gegensatzpaare prägen die neuen Gedichte: Aktualität und Erinnerung, Tag und Traum sowie Natur und Stadt. Die Trutzburg Königstein an der Elbe tritt in Konkurrenz zur «heroischen Landschaft, von Seebach aus gesehen» – konträre Aspekte mit und ohne Reiter, an denen sich dort die Erinnerung an die ostdeutsche Heimat mit Burgen, Kohle und Fabrikschloten, da der familiäre Alltag im neuen Zuhause festmachen lassen.

Krause wartet und geht, lauscht und beobachtet. Fast unscheinbar trägt er dabei häufig ein Kind auf dem Arm, das Zeuge seiner Betrachtungen ist. Es prägt und lenkt seine Wahrnehmung, «die Perspektive, die sich zu etwas verbindet». Vielen Gedichten liegt ein «Da schau» inne – oder ein Staunen ob dem Glitzern und Funkeln:

Eins überlappt das andere
und du musst schauen
und schauen und ich
kann erzählen
von dieser einfachen Madonna.

Im Blick des Kindes offenbart sich Alltägliches neu, erhalten die Dinge auch für den erwachsenen Blick überraschende Gestalt. «So schwer zu denken / wie es sein muss, klein zu sein». Und die Kinderblicke rufen Erinnerungen ans eigene Kindsein hervor, an «Dinge, die ich lang nicht berührte». Dadurch wird auch Grossmutter wieder erweckt, Ornamente stickend im «Kohlerauch des Tagebaus». Solche Verknüpfungen geschehen gänzlich unaufdringlich und ohne bedeutsame Fingerzeige. Die Diskretion ist typisch für diese stille, fein versponnene Lyrik.

Thilo Krause mag es, mehrere Gedichte unter einen gemeinsamen Titel zu setzen – beispielsweise im Titelgedicht, das er in sechs Variationen bespielt. «Um die Dinge ganz zu lassen», braucht es die Hand des Glücklichen, «der nichts wollte, aber schuf»; der Gegensätze verbindet und die Lücken dazwischen nicht verwischt. Dabei fühlt sich der Autor nicht verpflichtet, auf die Einheit der Form zu pochen. Er variiert sie frei in kurzen und langen Zeilen, in zwei- oder mehrzeiligen Strophen. Er beherrscht das lyrische Repertoire: mal als Miniatur zart hingetupft, mal narrativ flächig, mal wach beobachtet und in innere Traumbilder übersetzt. So unterschiedlich die Formen sind, so deutlich bleibt die Handschrift des Dichters erkennbar.

Emblematisch tauchen immer wieder Amseln auf: «In den Gebüschen wüten die Amseln» – oder sie trillern «kleine Leuchtfeuer Gesang» – ein schöner Vogel, allgegenwärtig und doch kein Haustier, ein kommuner Vogel und zugleich ein wunderbarer Sänger.

Krauses Gedichte stecken das Feld zwischen den grellen Kontrasten schwarz und weiss, finsterer Stimmung und hellem Pathos ab. Im Lauf der Jahreszeiten beweist der bescheidene Dichter sein Sensorium für die kleinen Dinge wie die Käferlarve, die «in Mondnächten / einen trotzigen Schatten» wirft. Dabei vermeidet er jeglichen Eskapismus, er schaut einfach nur genau hin.

Erinnerungen und Erlebnisse, Begegnungen und Assoziationen durchdringen einander und hinterlassen kleine Lücken und zarte Verschiebungen. Ihnen gemeinsam ist die Gelassenheit, mit der der Dichter den Welten innen und aussen entgegentritt und sie in Verse fügt:

Ich kann auf der Terrasse sitzen
und den Zügen zuhören
(…)

und ich kann lächeln
über dieses Gerede
von nichts als Form
ohne etwas darin.