Der Bergmann und der Kanarienvogel

Catherine Safonoff

»So muss der Biograf vor uns anderen hergehen, muss wie des Bergmanns Kanarienvogel die Atmosphäre prüfen, muss Falschheit und Unwirklichkeit aufspüren und etwa vorhandene überlebte Konventionen.«

Im Bergwerk des Lebens

Kanarienvögel reagieren schnell auf Veränderungen der Luft, daher wurden sie von den Bergleuten, sozusagen als Frühwarnsystem, in den Stollen mitgenommen. Gab es zu wenig Sauerstoff, hörten sie auf zu singen und fielen von der Stange.
Mit ihrem Buch Der Bergmann und der Kanarienvogel begibt sich Catherine Safonoff auch unter Tage, hinein in das Bergwerk des Lebens. Radikal autobiographisch notiert sie alltägliche Begebenheiten, gekreuzt mit Rückblenden in die Vergangenheit und besonderen Lektüreerlebnissen. Der Handwerker im Haus, ein Sturz mit dem Velo in der Stadt, der Besuch des Enkels, der sich weigert, das Schreiben zu lernen, werden hier zu Momenten der Wahrheit, zur »Stunde der wahren Empfindung«, wie es bei Peter Handke heißt.
Als roter Faden aber dient ihr eine Psychotherapie, die sie mit über siebzig Jahren antritt: Sie setzt sich aus, verliebt sich in den Therapeuten und erlebt noch andere Überraschungen, die sie nie für möglich gehalten hätte.
Mit großer Gelassenheit, mit Anflügen von Melancholie und vor allem mit einer gesunden Portion Selbstironie gibt Catherine Safonoff in diesem Miniaturenroman ihr Leben preis. Sie schreibt ohne Netz, sie schreibt, ohne zu fallen.

(Buchpräsentation Rotpunktverlag)

Der schöne Analytiker

von Iris Müller

Publiziert am 27/07/2015

«Kanarienvögel reagieren schnell auf Veränderungen der Luft, daher wurden sie von den Bergleuten, sozusagen als Frühwarnsystem, in den Stollen mitgenommen. Gab es zu wenig Sauerstoff, hörten sie auf zu singen und fielen von der Stange.»
So beginnt die Einleitung des Verlags zum Roman Der Bergmann und der Kanarienvogel, der die Leserinnen und Leser  in eine Geschichte führt, die «radikal autobiografisch» sei.

Der schmale Band, schön in blaues Leinen gebunden, erzählt in 81 kurzen Kapiteln das Leben einer in die Jahre gekommenen Frau. Einer Frau, die sich wegen Depression und Suchtproblemen in Behandlung begibt und die sich in ihren Psychiater verliebt. Kapitel um Kapitel steigen wir hinunter in das Lebens-«Bergwerk» dieser Frau. Intimes und Persönliches kommt zu Tage, es geht um Einsamkeit, Familie, Freundschaft, Liebe und auch ums Lesen und Schreiben. Schreiben als Therapie der Ich-Erzählerin und als ihr Versuch, Distanz zu ihren Gefühlen für den Psychiater zu wahren, oder diese wenigstens im Zaum zu halten.

Die Sprache, die die Autorin dafür wählt, ist erfrischend klar und schlicht, oft auch sehr pointiert und gespickt mit einer grossen Prise Selbstironie. Das ist unterhaltsam, durch die Offenheit und Direktheit der Beschreibung ihrer Gefühle und ihrer inneren Verfassung aber auch zutiefst bewegend. 

Verantwortung, Recht, Pflicht. Das Gute, Das Böse, Bewusstsein, Paradies – der Arzt unterbricht mich und fragt, ob  ich gläubig sei. Sofort die Vorstellung (falsch, aber ich werde sie lange bewahren), dass er mich nicht behalten würde, wenn ich es wäre, als herrsche hier nur die reine Vernunft. [...]

Es schneite immer noch. Ich machte eine Runde durch das Viertel. Gebeugte Bäume, Stille bis auf das Geräusch der Schritte im Schnee. Ich habe mir etwas gewünscht. Es war ein vollkommener Moment, fast etwas zu vollkommen. Die Einsamkeit war einfach, ich ertrug sie zu gut.

Die Ich-Erzählerin pendelt in ihren persönlichen Aufzeichnungen gekonnt von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Im Textgeflecht mischen sich die Erinnerungen und Figuren, doch immer bleibt dabei ein durchlaufender roter Faden klar erkennbar: die Gefühle der Frau zu ihrem Therapeuten, die sie ihm eines Tages offenbart, indem sie daraus sogleich raffiniert eine Geschichte in die Geschichte einbaut.

Dank dieser geglückten Form taucht der Leser immer tiefer in die Gefühlswelt einer Frau ein, die ihren Körper zwar altern, ja gar zerfallen sieht – und dennoch neu auflebende erotische Gefühle in sich wahrnimmt. Ein tiefsinniges, berührendes und optimistisches Buch.

Presseschau (Auswahl)

Eindimensionale Lesarten gibt es keine in diesem Buch, und das ist durchaus stimmig, weil auch sein Entstehungsprozess ein dialektischer ist. Das «Schreiben» ist ein zentrales Motiv des Textes und steht als solches in engster Verbindung zur «Liebe». [...] «Jedes beliebige Gespräch zwischen Menschen, jede Wärme zwischen zwei Körpern ist mehr wert als jede geschriebene Seite. Alle Bücher sprechen ja nur von dieser verlorenen Wärme.» Nur wenige aber tun das auf derart feinsinnige Weise. (Claudia Mäder, NZZ, 19.05.2015)